Es heißt, die Schoßgebete seien ganz anders als die Feuchtgebiete. Zumindest eins haben beide Bücher von Charlotte Roche gemeinsam: Man kann sie lieben oder hassen. Vorweg, mein Geschmack ist es nicht, aber ich wollte doch mal wissen, worüber alle Welt gerade diskutiert.

Stark autobiografisch gefärbt

Interessant ist: Das Buch scheint stark autobiografisch gefärbt. Der Tod der drei Brüder auf dem Weg zu ihrer Hochzeit, ein zentrales Ereignis in den “Schoßgebeten”, ist Charlotte Roches Brüdern tatsächlich zugestoßen. Insofern ist der Roman für Roche sicherlich auch ein Weg, dieses tragische Geschehen zu verarbeiten.

“Schoßgebete” wird aus der Perspektive der Protagonistin Elizabeth erzählt und wechselt zwischen der Gegenwart und zurückliegenden Ereignissen. Diese versucht, alles richtig zu machen: Sie will ihrer Tochter Liza eine perfekte Mutter sein, ihren Partner eine begehrenswerte Frau, ihrer Therapeutin eine gute Patientin. Die Realität will aber nicht so, wie sie will, und auch das Trauma um den Tod ihrer Brüder holt sie immer wieder ein. Dazwischen gibt es ein paar deftige Sexszenen, eine Wurmkur und Elizabeths Gedanken über Sexualität, Kindererziehung, die Rolle der Frau, Treue, Moral, den Sinn des Lebens und vieles mehr.

Direkt, geradeaus und kontrovers

Die Sprache ist direkt und geradeaus, nicht gerade literarisch, aber dafür kann man das Buch auch im Zug oder auf dem Klo lesen – und obwohl es 300 Seiten sind, hat man es schnell durch. Die Einschätzungen reichen dementsprechend von “wunderbar ehrlich, treffend, berührend” bis “sie kann nicht schreiben”.

Das Gute ist: Wenn die “Schoßgebete” einem nicht gefallen, kann man sich hinterher prima darüber aufregen.

  • Titel: Schoßgebete
  • Autor: Charlotte Roche
  • Ausgabe: Broschiert, eBook, Audiobook
  • Verlag: Piper
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5 Fragen an Charlotte Roche

In diesem kurzen Video spricht Charlotte Roche darüber, wie wichtig ihr neues Buch “Schoßgebete” ihr ist und wie ihr die Kritik daran manchmal nahegeht:

Charlotte Roche

Charlotte Roche

Charlotte Roche bei einer Lesung in Berlin. Foto: Markus Hammes

Charlotte Roche, Autorin, Moderatorin, Schauspielerin und Sängerin, wurde 1978 in High Wycombe in England geboren. Sie wuchs zweisprachig (englisch und deutsch) als Tochter eines Ingenieurs und einer politisch und künstlerisch aktiven Mutter auf. Sie lebt in Deutschland, seit sie acht Jahre alt war, zuvor lebte die Familie in England und den Niederlanden. Während ihrer Schulzeit stand sie bei Schulaufführungen auf der Bühne und gründete mit anderen Mädchen eine Garagenband, “The Dubinskis”. Es folgte eine Zeit, in der sie alles unternahm, um Leute zu schocken — sie verletzte sich, um mit ihrem Blut zu zeichnen, probierte verschiedene Drogen und rasierte sich eine Glatze.

VIVA-Moderatorin

Bekannt wurde Charlotte Roche, als sie 1998 nach einem erfolgreichen Casting die Musiksendung Fast Forward bei VIVA Zwei moderierte. Mit dem Produzenten von Fast Forward, Eric Pfeil, bekam sie 2002 eine Tochter, Polly. Seit 2007 ist sie mit Martin Keß verheiratet, Mitbegründer von Brainpool, eines Medienunternehmens in Köln. 2006 spielte Charlotte Roche die weibliche Hauptrolle (an der Seite von Josef Ostendorf) in dem Film “Eden”.

In einem Spiegel-Interview 2010 bot Charlotte Roche an, mit Christian Wulff Sex zu haben, wenn er als Bundespräsident sein Veto zur damals beschlossenen Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke einlegte – eine schöne Aktion, die einigen Wirbel auslöste.

Autorin

Charlotte Roche veröffentlichte bisher zwei Romane: “Feuchtgebiete” und “Schoßgebete”. Ihr Erstling “Feuchtgebiete” war der weltweit meist verkaufte Roman auf Amazon.com im März 2008. Auch in Deutschland stand er lange in den Bestsellerlisten; hier wurden über 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Der teilweise autobiografische Roman geht Themen wie Hygiene, Sex und Weiblichkeit nach. Die Anhänger des Romans sehen in ihm einen Klassiker der erotischen Literatur, die sehr expliziten Schilderungen wurden aber auch als “eklig” und teilweise als schlecht geschrieben kritisiert.

Charlotte Roches zweites Buch “Schoßgebete” tauchte ebenfalls in den Bestsellerlisten auf, löste aber keinen Hype aus wie die “Feuchtgebiete”.