Es heißt ja, dass jedes Tabu einmal gebrochen werden muss – “Feuchtgebiete” bricht vor allem durch den Boden des untersten Niveaus. Tabubruch wird hier zum Selbstzweck (oder zum Verkaufsargument), Hauptsache den Lesern kommt der Ekel hoch – wozu braucht man da noch eine Story? Anscheinend gar nicht: beschrieben wird vor allem, wie die Protagonistin, die 18-jährige Helen, nach einer missglückten Arschrasur im katholischen Krankenhaus liegt und ihre diverse Körperöffnungen und Flüssigkeiten untersucht. Krankenpfleger Robin ist irritiert und soll schließlich diejenigen ihrer Körperöffnungen fotografieren, die sie selbst nicht sehen kann. Effekte bleiben billig und gekünstelt, so lutscht die Protagonistin am nächsten Morgen die Spermareste, die unter ihren Fingernägeln hängengeblieben sind – “Sexandenkenkaubonbon” nennt sie die. Die komischen Elemente des Buches bleiben eher albern als wirklich witzig.

Völlig ohne Bezug dazu läuft nebenher der Erzählstrang von Helens tragischer Familiengeschichte: sie wünscht sich, dass ihre geschiedenen Eltern sie im Krankhaus besuchen und sich dabei wieder versöhnen. Leider rühselig und langweilig; den Versuch, die beiden Stoffe zu verbinden, kann man nur als misslungen bezeichnen.

Wenn man eins an dem Buch loben kann, ist es das gekonnte Marketing – schade, dass das Buch selbst nicht ebenso gekonnt war. So kann man zum Beispiel lesen: “‘Feuchtgebiete’ ist eine Exkursion zu den letzten Tabus der Gegenwart. Mutig, radikal und provokant rebelliert Charlotte Roches Roman gegen Hygienehysterie und die sterile Ästhetik der Frauenzeitschriften, gegen den standardisierten Umgang mit dem weiblichen Körper und seiner Sexualität – und erzählt dabei die wunderbar wilde Geschichte einer ebenso genusssüchtigen wie verletzlichen Heldin.”

Wenn “Feuchtgebiete” alles ist, was wir dem entgegenzusetzen haben, dann gute Nacht.

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