Neuester Verdachtsfall ist “Die Schokospalte”, eine Sammlung erotischer Geschichten, grottig schlecht, aber bei Amazon meist mit 5 Sternen bewertet, auffällig häufig von Benutzern mit nur einer einzigen Rezension.
Update 09.07.: Amazon ist der Sache offensichtlich nachgegangen und hat die Bücher vollständig aus dem Programm rausgenommen - danke an den Leser, der mich darauf aufmerksam gemacht hat!.
Auf diesen Fall gestoßen bin ich durch einen Artikel von Esther (Salomes Bücher) bzw. die darauffolgende Diskussion, in die sich lustigerweise auch die Autorin einmischt. Daraufhin habe ich mir das ganze etwas genauer angesehen:
Es gibt bei Amazon 34 Rezensionen zur “Schokospalte”, davon 29 mit Fünf-Sterne-Bewertung, einmal vier Sterne und je zweimal drei bzw. ein Stern. Unter den Schreibern der 29 Fünf-Sterne-Rezensionen haben zwölf nur eine einzige Rezension geschrieben, drei weitere haben außer der “Schokospalte” noch entweder “Nachts sind alle Katzen geil” oder “Porno Royal” rezensiert - beides Bücher, an denen die Schokospalten-Autorin Anita Isiris ebenfalls beteiligt ist und die vom gleichen “Verlag” stammen (Krischan Schöninger und Stephan Schlage Erozuna GbR). Das ist deutlich verdächtig.
Alle drei Bücher sind Books-on-Demand Bücher, und “Nachts sind alle Katzen geil” fällt ebenfalls mit vermutlich gefälschten Rezensionen auf: Das Buch hat 33 Fünf-Sterne-Rezensionen, je eine mit vier bzw. drei Sternen und 7 mit einem Stern. 18 der Fünf-Sterne-Rezensenten haben entweder nur eine Rezension geschrieben oder die weitere bezieht sich auf die “Schokospalte” oder “Porno Royal”. Logisch, dass man auch unter den (positiven) Rezensenten von “Porno Royal” alte Bekannte wiederfindet. Amazon scheint das wenig zu interessieren - die Rezensionen bedeuten schließlich Content für die Website.
Schlechte Rezensionen werden dann gern als “unzumutbar” markiert - ob von den Autoren selbst, dem Verlag oder ob Freunde und Bekannte eingespannt werden, sei dahingestellt. Dieser Weg, unerwünschte Rezensionen verschwinden zu lassen, scheint auch im Fall der Schokospalte gewählt worden zu sein, denn Esther berichtet in oben genannten Artikel, dass zwei ihrer negativen Rezensionen zu diesem Buch verschwunden sind. Eine manuelle Überprüfung seitens Amazon scheint hier nicht stattzufinden.
Vom Moralischen mal abgesehen…
Was bringt diese Guerilla-Marketing-Strategie?
Das naheliegendeste ist, dass Leute die positiven Rezensionen lesen und daraufhin das Buch kaufen. Das wiederum führt dazu, dass die Verkaufszahlen steigen und Amazon das Buch prominenter listet. Wie die Amazon-Bestsellerliste im einzelnen zustandekommt, ist mir noch nicht ganz klar - es scheint jedenfalls mehr einzufließen als die reinen Verkaufszahlen, denn auf der Liste findet man auch Bücher, die noch gar nicht erschienen sind, sondern nur vorbestellt werden können. Dass so extrem viele Kunden diese Möglichkeit nutzen, scheint mir unwahrscheinlich - gerade im Bereich der Bestseller-Romane findet man Spontankäufer mit ausgeprägtem Herdenverhalten. Wahrscheinlicher erscheint es da schon, dass Amazon die Anzahl und/oder die Wertung der Rezensionen mit einfließen lässt - sollte das stimmen, ist der Nutzen der Fake-Rezensionen umso größer. Denn wenn ein Buch in der Amazon-Bestsellerliste erscheint (und noch dazu begeisterte Rezensionen erhalten hat), dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass tatsächlich viele Kunden das Buch kaufen - Stichwort Herdenverhalten. Das Prinzip erklärt auch Geldkrieg, wenn auch in Bezug auf Blogs:
Warum sind erfolgreiche Blogger so erfolgreich wie sie sind?
Die Antwort ist ganz einfach. Sie sind so erfolgreich, weil sie bereits so erfolgreich sind.
Genau dieser Effekt ist es, den sich Autoren und Verlage hier zunutze machen. Diese Art des Guerilla-Marketing funktioniert im ach so demokratischen Web 2.0 leider sehr gut, und dementsprechend auch bei Amazon. Hier gelangte die “Schokospalte” mindestens bis auf Platz 8, ist inzwischen auf die 19 abgerutscht (die Statistiken werden stündlich aktualisiert). Besonders häufig scheint die Strategie bei Books-on-Demand Büchern angewandt zu werden. Auf den Bestseller-Listen von Spiegel und Focus konnte ich die “Schokospalte” erwartungsgemäß nicht entdecken.
Übrigens findet man bei Amazon auch den umgekehrten Fall, dass Bücher von der Konkurrenz als besonders schlecht rezensiert werden - oder als besonders gut, dann aber so, dass durch besonders plumpe Lobhudelei jeder Leser erkennen soll, dass es keine echte Rezension ist. Damit soll der Verdacht erzeugt werden, dass der Verlag seine Bücher durch gefälschte Rezensionen pusht. Das Muster der Rezensenten scheint dabei ein bisschen anders zu sein als im oben genannten Fall: gefakte Rezensionen stammen hier häufig von Serien-Rezensenten, die ein mehr oder weniger bestimmbares Rezensionsverhalten zeigen - der Galileo-Verlag beschreibt die Vergehensweise in einer Warnung vor gefälschten Amazon-Kundenrezensionen.
Auf zunehmende Kritik hin führte Amazon die Möglichkeit ein, unter dem Realnamen zu kommentieren. Allzu real scheinen diese Realnamen bei Amazon aber nicht zu sein, oder würde die Sparda-Bank das Buch “Nachts sind alle Katzen geil” rezensieren?
Was aber die Schokospalte betrifft, kann konnte man auf der Amazon-Seite eine Leseprobe lesen, und wer das Buch danach noch kauft, ist selbst schuld.

4 Kommentare zum Artikel Gefälschte Rezensionen bei Amazon - Guerilla Marketing oder Betrug?
Na dann drückt doch bei den Fake-Rezensionen einfach auf ‘unzumutbar’.
Na schlappe 90 Prozent aller Amazon-Rezensenten haben doch nur eine Rezi geschrieben. Man brauche sich doch nur einmal die hier beworbene Kerstin Gier und ihren Dauerbrenner “Für jede Lösung ein Problem” unter die Lupe nehmen.
Fazit: Entweder ist es normal, das Rezensenten im Durchschnitt nur eine Rezi schreiben (was sich durch eine Glockenkurve erklären ließe) oder 90 Prozent aller Verlage / Autoren/Übersetzer fakt die Rezensionen.
Gefälschte Rezensionen können nicht der Grund für den Ausschluss der Bücher bei Amazon sein. Da muss etwas ganz anderes vorgefallen sein, doch was?
Bei Amazon fälschen alle, egal ob Verlag oder BoD. Bei Eva Herman oder Richard Dawkins wurden sogar Massenemails versendet, mit der Bitte bei Amazon in die eine oder andere Richtung zu rezensieren. Einige Verlage lassen ganz gezielt bei Amazon Rezensionen verfassen, in die eine oder andere Richtung. Dagegen sind die Einzelkämpfer Waisenknaben.
Ich verstehe auch die ganze Aufregung über die Rezensionspraxis bei Amazon nicht. Die ist doch allgemein bekannt. Außerdem: Was ist diese Art des Marketings im Vergleich zu den Möglichkeiten, die Leute aus dem Fernsehen haben, siehe Charlotte Roche? Die muss doch gar keine Rezensionen bei Amazon schreiben, der genügen Roger Willemsen und Co. Und besser als “Die Schokospalte” ist Feuchtgebiete auch nicht, ist aber selbst in der Spiegelbelletristik die Nr. 1, und nur, weil die Autorin die richtigen Connections besitzt.
Also kommt mal schön wieder runter…
Ich hab selber erlebt, dass Amazon negative Rezensionen erst garnicht veröffentlicht. Da können die noch so sachlich geschrieben werden! Was die Verkaufszahlen drückt wird wohl erst garnicht veröffentlicht! Seitdem google ich lieber erstmal bevor ich mich nur noch auf die Rezensionen verlasse. Echt eine riesen Sauerei!! **** Amazon!!
[Anmerkung von Isa: Die Kraftausdrücke hab ich mal rausgenommen.]
Jetzt kommentieren!