Hier will ich euch ein Buch vorstellen, dass seit Jahren zu meinen Lieblingsbüchern gehört. Es ist einfach genial ironisch und ich bin mir sicher, dass viele es nicht kennen: “Eureka Street, Belfast”.

CoverIch habe das Buch gelesen, als ich vor Jahren in Nordirland war. Nordirland ist geprägt von dem, was die Nordiren lakonisch “The Troubles” nennen: die Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken – die aber mit Religion herzlich wenig zu tun haben, es geht dabei vor allem um soziale Konflikte sowie historische Abrechnungen, deren Ursprung mehrere hundert Jahre zurückliegt (es ist wie bei Herr Lehmann: es weiß eigentlich keiner so genau, wann das angefangen hat – außer den Nordiren natürlich, und deren Datierung unterscheidet sich wiederum um mehrere hundert Jahre je nachdem, auf welcher Seite sie stehen).

Jedenfalls nehmen alle diese mehrere hundert Jahre zurückliegenden Ursprünge furchtbar ernst und wichtig und bis vor wenigen Jahren wurde in ihrem Namen gekämpft und getötet, noch immer leben in Belfast Katholiken und Protestanten in unterschiedlichen Stadtvierteln, die Kinder gehen in unterschiedliche Kindergärten, unterschiedliche Schulen und unterschiedliche Sportvereine. Also eigentlich alles eine ganz ernste Sache. Und dann kommt “Eureka Street, Belfast”, und nimmt die Politik gar nicht ernst – und irgendwie eben doch.

Der promigeile Chuckie Lorgan erfährt, dass der Papst nach Irland kommt – die Prominenz per se. Chuckie muss also unbedingt hin und es gelingt ihm sogar, ein Foto zu bekommen, auf dem er mit dem Papst zu sehen ist. Nur – Chuckie ist Protestant und sollte sich eigentlich nicht für den Papstbesuch interessieren.

Als Chuckie noch arm war, waren auch seine Tagträume eher bescheiden gewesen: ein Auto, ein leichter Job, oraler Sex mit Filmstars, den Mädchen von der Wettervorhersage und Gameshowmoderatorinnen. […] Jetzt aber träumte Chuckie davon, das Sozialministerium und die Royal Ulster Constabulary aufzukaufen. Vor allem aber träumte Chuckie davon, Irland aufzukaufen. Er sah die Anzeige des Immobilienmaklers für die Irland-Auktion schon vor sich: Schönes altes Land, kürzlich geteilt. Politisch leicht reparaturbedürftig. Sofort zu verkaufen.

Denn der übergewichtige, erfolglose Chuckie, der mit 30 Jahren noch bei seiner Mutter wohnt, lernt eine Amerikanerin kennen, die sich für ihn interessiert. Er beschließt, dass es Zeit ist, reich zu werden – und entdeckt, dass er Fördergelder für die absurdesten Geschäftsideen bekommt, wenn er sie nur als katholisch-protestantische Projekte deklariert. Auf seinen Weg zum großen Geld verkauft er nicht vorhandene Riesen-Dildos per Post und schickt den Leuten dann einen Brief mit der Information, dass diese nicht mehr lieferbar seien, und einem Rückerstattungsschein, den sie beim Postamt einlösen können. Da auf dem Schein aber groß und fett “Riesen-Dildo-Rückerstattung” steht, tut das fast niemand und Chuckie kann den Großteil des Geldes behalten.

Währenddessen schleppt Chuckies Freund Jake eine Kellnerin ab und bekommt daraufhin von ihrem Freund eine Tracht Prügel verpasst. Dies legt Aoirghe, radikale Republikanerin und eine Freundin von Chuckies Liebster, als politischen Akt aus und meldet ihn an alle möglichen Organisationen, mit denen Jake nichts zu tun haben will – und das nur, weil der Freund der Kellnerin Polizist war, und Jake ein Katholik.

Und an den Häuserwänden und Mauern taucht neben den Kürzeln bekannter Organisationen wie IRA und UVF auch die mysteriöse Abkürzung NEG auf und versetzt die Leute in Angst und Schrecken: eine weitere terroristische Splittergruppe? NEG könnte fast alles bedeuten – “Noch eine Gemeinschaft. Neunzigjährige erhalten Gewehre. Naiv ergebenes Gehabe. Nur ein Gott.” – und wie sich mehr und mehr herausstellt, tut es das auch.

Es gibt viele solcher Momente, in denen die Absurdität des Konflikts bzw. der Politik deutlich wird. Ich will hier nicht die Handlung wiedergeben, weil man dem Buch damit nicht gerecht wird. Es gibt aber eben auch die Momente, in denen die Freunde, obwohl sie eigentlich unpolitisch sind und im Freundeskreis keinen Unterschied zwischen Protestanten und Katholiken machen, nicht umhin kommen, sich mit Politik auseinanderzusetzen. Als Chuckies Mutter durch einen Bombenanschlag einen Schock erleidet, wird auch der Terror genau geschildert.

In Belfast liegen Alltag und Terror nah beieinander – und doch wird “Eureka Street” zu Recht als eine Liebeserklärung von Robert McLiam Wilson an die Stadt bezeichnet. Ein wunderschönes, witziges, einfach geniales Buch; satirisch, wenn es um Politik geht, und einfühlsam, wenn es um das chaotische Leben seiner Protagonisten geht.

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