Unter westlichen Philosophen gibt es im wesentlichen zwei Ansichten über die Zeit: Die eine besagt, dass die Zeit Teil der grundlegenden Struktur des Universums sei, eine Dimension, innerhalb derer Ereignisse aufeinander folgen. Newton war dieser Ansicht, die deshalb auch manchmal Newton’sche Zeit genannt wird. Die gegensätzliche Sichtweise besagt, dass Zeit sich nicht nicht auf irgendeine Art von “Behälter” bezieht, durch den Ereignisse und Gegenstände “hindurchziehen”, sondern Teil einer grundlegenden gedanklichen Struktur (zusammen mit Raum und Anzahl), durch die Menschen Ereignisse in eine Reihenfolge bringen und vergleichen. Diese zweite Ansicht steht in der Tradition von Leibniz und Kant und bedeutet, dass Zeit weder ein Ereignis noch ein Gegenstand ist und deshalb selbst nicht messbar ist.

Was für Sichtweisen auf Zeit gibt es in anderen Kulturen? Diese Frage ist natürlich zu umfangreich, um sie in einem Blogartikel mal eben zu erörtern. Zudem fühle ich mich bei dieser Frage nicht wirklich kompetent – zu leicht gerät man in Versuchung, irgendwelche Klischees wiederzugeben, die dann nur die “westlichen” Vorurteile gegenüber dem “Rest der Welt” zeigen. Nachdem ich den obigen Absatz geschrieben hatte, wollte ich aber nicht die “westlichen” Sichtweisen als die einzigen stehenlassen, und habe auch Lust, mich weiter in das Thema zu vertiefen. Ich habe mir deshalb das Buch “Eine Landkarte der Zeit: Wie Kulturen mit Zeit umgehen” gekauft, das spannend klingt – ob es meine Erwartungen erfüllt, kann ich noch nicht sagen, denn ich bin noch nicht zum Lesen gekommen.

Noch nicht zum Lesen gekommen – ja, auch ich bin vom schrecklichen Keine-Zeit-Virus befallen. Ich will jetzt aber nicht direkt über das Keine-Zeit-Syndrom schreiben, sondern über etwas, was sicherlich damit zusammenhängt: die Beschleunigung.

Es muss ja alles immer schneller gehen; dass das auch der Fall ist, ist unumstritten. Welche Auswirkungen hat das auf uns, auf unser Leben, auf unsere Gesellschaft? Da dieses komplexe Thema ein komplexes Buch verdient, stelle ich euch hier “Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne” von Hartmut Rosa vor. Rosa analysiert in dieser Studie die Zeitstrukturen der modernen Gesellschaft und kommt zu dem Schluss, dass die “Beschleunigung von Prozessen und Ereignissen” ein “Grundprinzip der modernen Gesellschaft” und damit konstitutiver Bestandteil ihrer Theorie sei. Zugleich entstehen allerdings “Entschleunigungsbemühungen”, die zu “Entschleunigungsoasen” führen.

Rosa identifiziert drei Bereiche der Beschleunigung: die technische Entwicklung, die Erhöhung des Lebenstempos und die Beschleunigung der sozialen und kulturellen Veränderungsraten. Er ist nicht der Ansicht, dass vor allem neue Technologien zu einer Beschleunigung der Lebensweise führen, denn es kommt darauf an, wie man diese verwendet: eigentlich, so Rosa, ermöglichen moderne Technologie eine Entschleunigung. Erst im Zusammenspiel mit sozialen und kulturellen Entwicklungen entsteht das Beschleunigungsempfinden, das so oft der bloßen technischen Entwicklung zugeschrieben wird. So ist es auch plausibel, dass nach Rosa die Beschleunigung erst zu einen befreienden Charakter hatte, jetzt aber immer mehr zum einengenden Zwang wird. Da das Buch Hartmut Rosas Habilitationsschrift ist, ist es nicht einfach zu lesen, dafür aber sehr interessant.